Wenn die Arbeit mit nach Hause kommt

Warum Abgrenzung so wichtig ist

Kennst du das Gefühl, nach Feierabend körperlich zu Hause zu sein, innerlich aber noch bei der Arbeit? Gedanken an einen jungen Menschen lassen dich nicht los. Situationen laufen immer wieder vor deinem inneren Auge ab. Du fragst dich, ob du etwas hättest verhindern können oder ob du anders hättest reagieren müssen.
Gerade in der Jugendhilfe ist das kein Zeichen von Schwäche, sondern von Verantwortungsgefühl und Engagement. Gleichzeitig ist genau das der Punkt, an dem es kritisch werden kann. Denn ohne klare innere Grenzen wird aus Mitgefühl schnell Überforderung.

Warum wir nach der Arbeit nicht abschalten können

In Einzelpädagogischen Maßnahmen arbeiten Fachkräfte sehr eng mit jungen Menschen
zusammen. Diese professionelle Nähe ist wirksam, fordert aber ihren Preis. Viele
Fachkräfte berichten, dass sie:

  • gedanklich auch in der Freizeit bei der Arbeit bleiben
  • sich für Krisen oder Rückschritte persönlich verantwortlich fühlen
  • Schwierigkeiten haben, innerlich abzuschalten

Was zunächst nach Fürsorge aussieht, kann langfristig zu Erschöpfung führen.
Abgrenzung ist deshalb keine Gegenspielerin von Beziehung, sondern ihre
Voraussetzung.

Nähe ist wichtig – aber nicht grenzenlos

Abgrenzung, also das Definieren und Wahren eigener Grenzen, wird häufig
missverstanden. Sie bedeutet nicht, kalt oder distanziert zu werden. Sie bedeutet auch
nicht, weniger empathisch zu sein. Sie ist außerdem keine Charaktereigenschaft,
sondern eine Fähigkeit, die unter hoher emotionaler Belastung leicht verloren geht. Sie
braucht Übung, Reflexion und tragfähige Rahmenbedingungen.

Professionelle Abgrenzung heißt:

  • empathisch bleiben, ohne mitzuleiden (=Mitgefühl)
  • Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen, nicht für alle
    Entscheidungen der Klient:innen
  • präsent sein, ohne sich selbst zu verlieren

Mitleiden führt nicht zu besseren Beziehungen, sondern häufig zu Handlungsunfähigkeit.
Professionelles Mitgefühl hingegen ermöglicht Orientierung, Stabilität und Entwicklung,
für die Fachkraft genauso wie für den jungen Menschen.

Ein schmaler Grat: Grenzen setzen in der Jugendhilfe

In meiner Arbeit als Psychologin in der Intensivpädagogik erlebe ich dieses Thema
täglich. Ich führe häufig Gespräche nach Krisen und begleite Fachkräfte in 1:1
Coachings. Viele berichten mir:

  • dass Gedanken an die Arbeit bis in den Schlaf hinein präsent bleiben
  • dass Beleidigungen oder Ablehnung seitens der Klient:innen sie erschöpfen
  • dass sie sich für das Wohlergehen der Klient:innen persönlich verantwortlich
    fühlen

Das ist menschlich und verständlich. Fachlich betrachtet ist es jedoch riskant.
Dauerhafte Grenzverwischung erhöht das Risiko für emotionale Erschöpfung,
sekundäre Traumatisierung und langfristig auch Burnout. Gleichzeitig leidet die
pädagogische Qualität, weil Handlungsfähigkeit verloren geht.

Eine einfache Übung für mehr innere Distanz: der Circle of Influence

Der Circle of Influence nach Stephen Covey hilft dabei, Verantwortung realistischer
einzuordnen und innere Überforderung zu reduzieren. Er unterscheidet drei Bereiche:

  • Circle of Control: Dinge, die ich direkt kontrollieren kann, zum Beispiel meine
    Haltung, mein Verhalten, meine Kommunikation und meine Selbstfürsorge.
  • Circle of Influence: Dinge, die ich beeinflussen, aber nicht steuern kann, etwa
    Beziehungsgestaltung, pädagogische Impulse oder Teamabsprachen.
  • Circle of Concern: Dinge, die mich betreffen, auf die ich jedoch keinen Einfluss
    habe, zum Beispiel die Vergangenheit des jungen Menschen oder frühere
    traumatische Erfahrungen.

Für die Übung kannst du drei Kreise ineinander auf ein Blatt Papier malen. Anschließend
ordnest du die Themen, Gedanken oder Sorgen, die dich gerade beschäftigen, den
jeweiligen Kreisen zu. Allein dieses Aufschreiben und Sortieren wirkt häufig entlastend.
Es macht sichtbar, wo Handlungsspielräume liegen und wo Verantwortung bewusst
losgelassen werden darf. Die klare Unterscheidung der drei Kreise hilft, Grübeln und
Selbstvorwürfe zu reduzieren und Verantwortung dort zu lassen, wo sie tatsächlich
getragen werden kann.

Wenn Gedanken nicht aufhören wollen: die Tresor-Übung

Bei akuter gedanklicher Überlastung, etwa durch Grübelschleifen oder belastende
innere Bilder, arbeite ich häufig mit der sogenannten Tresor-Übung.
Die Übung funktioniert so:
Zunächst stellt man sich einen ganz persönlichen Tresor möglichst detailliert vor. Wie
groß ist er? Aus welchem Material besteht er? Welche Farbe hat er? Wie viel wiegt er?
Wie sieht das Schloss aus? Wie verschließt man ihn?
Anschließend wird dieser Tresor innerlich geöffnet. Alle Gedanken, Bilder oder Szenen,
die gerade belasten oder ablenken, dürfen bewusst hineingelegt werden. Danach wird
die Tür wieder geschlossen und sicher verriegelt.
Wichtig ist dabei die innere Vereinbarung:
Diese Inhalte sind nicht „weg“, sondern nur für einen begrenzten Zeitraum sicher
verwahrt. Die Übung verschafft eine bewusste Pause, damit das Nervensystem zur Ruhe
kommen kann und Erholung überhaupt möglich wird. Die Tresor-Übung ist kein Ersatz
für fachliche Reflexion, Supervision oder Gespräche im Team. Sie dient ausschließlich
der kurzfristigen Entlastung (z.B., wenn man schlafen möchte oder einen wichtigen
Termin hat).

Warum klare Grenzen Beziehungen stabiler machen

Klare Grenzen schützen nicht nur die Fachkraft, sondern auch die Beziehung. Ein
wertschätzendes Nein ist kein Beziehungsabbruch. Es schafft Orientierung,
Verlässlichkeit und Sicherheit.
Professionelle Beziehungen sind immer asymmetrisch. Fachkräfte verfügen über mehr
Macht, Verantwortung, Deutungswissen und strukturelle Möglichkeiten als die jungen
Menschen, mit denen sie arbeiten. Genau diese Asymmetrie macht Klarheit so wichtig.
Ohne klare Grenzen besteht die Gefahr von Überforderung, Rollenkonfusion oder
emotionaler Vereinnahmung. Wer gut für sich sorgt und die eigene Rolle klar hält, bleibt
präsent und langfristig arbeitsfähig. Klare Grenzen stabilisieren damit nicht nur die
Fachkraft, sondern auch die pädagogische Beziehung selbst.

Fazit: Ohne Grenzen keine gesunde Beziehung

Abgrenzung ist keine persönliche Schwäche und kein Egoismus. Sie ist eine zentrale
berufliche Kompetenz, besonders in emotional hochbelasteten Arbeitsfeldern wie der
Jugendhilfe. Klare Grenzen ermöglichen Nähe, ohne sich selbst zu verlieren. Sie
schützen die mentale Gesundheit von Fachkräften und sichern gleichzeitig die Qualität
pädagogischer Arbeit.

Für alle, die tiefer einsteigen möchten

Dieser Blogartikel basiert auf einem ausführlicheren Fachartikel, in dem ich das Thema
Abgrenzung in Einzelpädagogischen Maßnahmen wissenschaftlich und praxisnah
vertiefe. Dort findest du unter anderem fachliche Einordnungen, Kriterien gelingender
Beziehungsarbeit sowie weitere Methoden aus meiner Arbeit als Psychologin und
Mental-Health-Beauftragte in der Jugendhilfe.

➔ Hier geht es zum Fachartikel Abgrenzung als professionelle
Kernkompetenz.

Warum Abgrenzung so wichtig ist Kennst du das Gefühl, nach Feierabend körperlich zu Hause zu sein, innerlich aber noch bei der Arbeit? Gedanken an einen jungen Menschen lassen dich nicht los. Situationen laufen immer wieder vor deinem inneren Auge ab. Du fragst dich, ob du etwas hättest verhindern können oder ob du anders hättest reagieren […]

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